Schauplätze: “Falkenlust”

Ein Interview mit der Autorin Petra Reategui an einem der Hauptschauplätze ihres historischen Krimis

Ein Jogger trabt über den Kies, ein Hund springt aus der Ladeklappe eines Kombis – an diesem Samstagmorgen gehört der der Park des Schlosses „Falkenlust“ bei Brühl den Bürgerlichen. Um 1750 aber war hier ein streng überwachtes Schutzgebiet: Das Wild durfte nicht gestört werden, weil der Kurfürst Clemens August und seine Hofgesellschaft den Tieren vor allem in der Falkenjagd nachstellten.

Petra Reategui mit ihrem Roman "Falkenlust" vor dem gleichnamigen Schloss (Foto:T.S.)

„Würdest du in diesem Schloss leben wollen?“, frage ich Petra Reategui, Autorin des historischen Krimis „Falkenlust.“ (Foto mit Buch)

„Ja. Es ist so klein und intim.“

Tatsächlich ist das Lustschlösschen eher eine Art Villa und strahlt obendrein im neuen Glanz: Erst vor wenigen Jahren wurde eine umfassende Renovierung abgeschlossen.Und zu Zeiten des Kurfürsten? Wo ließ es sich besser leben? In den Hütten oder den Palästen? Oberflächlich betrachtet locken die Paläste mit ihrem Glanz, aber Petra Reategui hätte sich doch für die Hütte – zumindest für die bürgerliche Hütte – entschieden, denn sie schreckt der Zwang, die Reglementierung an den Höfen. Das private Glück, so ist sie sich sicher, fand sich eher in den Hütten. Sie erinnert an die qualvolle Erziehung des jungen Friedrich II. Dagegen legen für sie die Bilder der flämischen Meister Zeugnis davon ab, dass dem einfachen Volk die Lebensfreude erlaubt war.

Wir stehen vor der Fassade der Hauptfront. Sie ist zu einer Allee ausgerichtet, die das Jagdschloss mit dem Schloss Augustusburg verbindet. Auch dies war „nur“ eine Sommerresidenz. Der Regierungssitz des Fürstbischofs war in Bonn. „Welche Worte kommen dir zuerst in den Sinn, wenn du Schloss Falkenlust betrachtest?“, frage ich.

„Musik“, ist die spontane Antwort. Die Fassade als Komposition: Variationen derselben Themen: Fenster, Türen, Stuck, Gesims, streng symmetrisch, mathematisch wie die Musik des Barock. Ordnung: Neben dem zweigeschossigen Hauptbau liegen die einstöckigen Wirtschaftsgebäude, geduckt, dienend. Hier waren auch die Falken untergebracht. Petra erzählt davon, wie die holländischen Falkner jedes Jahr aus Valkenswaard hierher kamen. Im Mai begann die Saison, im August endete sie.

„Gibt es eine Szene in deinem Buch, die erst durch deinen Besuch hier entstanden ist?“, frage ich sie.

„Ich habe mir vorgestellt, wie die Kinder hier die Köpfe durch die Gitter stecken“, sagt Petra. Sie ist während der Arbeit an „Falkenlust“ oft hier gewesen. Weder alte Abbildungen noch die Foto- und Streetview-Shows im Internet können für sie die Atmosphäre eines Ortes transportieren. Vor allem hier läuft „der innere Film“, ist die Küche belebt, wird der Abfall hinaus gebracht, und der Einzug der Falkner zieht Schaulustige an. Selbstverständlich war das Schlossgelände dem einfachen Volk verboten, ebenso selbstverständlich haben die Kinder sich dennoch mitreißen lassen.

Beim Dienstpersonal gab es Leute aus Brühl. In den Archiven stieß Petra auf eine Magd namens Adelheid Stemmeler – über sie entstand die Verbindung zur eigentlichen Hauptfigur der Geschichte: Johann Stemmeler.

Petra Reategui vor der Kulisse des Schlosses (Foto: T.S.)

Ihm begegnete Petra Reategui an einem ganz anderen Schauplatz: Ein Wegekreuz am Kölner Rheinufer erinnert an „Joan Stemmeler“, den man ein Stück flussaufwärts erschlagen auffand. Wer hatte ihn umgebracht? Und warum? In Petras Krimi wird aus Johann ein junger Mann, der durch eine verwandte Magd auf Falkenlust seinem Traum näher kommt, Falkner zu werden. Ein Traum, der tödlich endet, in einer Zeit, in der das private Glück von der gesellschaftlichen Ordnung des Absolutismus erdrückt wurde.

Das Wegekreuz zur Erinnerung an den Mord an Johann Stemmeler (Foto: P.R.)

 

 

 

Wir sind am Ende unseres kleinen Spaziergangs angekommen.

„Bei welcher Begebenheit auf diesem Schloss wärst du gerne dabei gewesen?“, will ich noch von Petra wissen.

„Bei der Arbeit in der Küche vielleicht“, sagt sie. Die Jagdgesellschaften, die Maskenbälle und Festessen, das reizt sie wenig. Wieder ist es der Alltag der einfachen Leute, das Leben in den „Hütten“, das ihr als Autorin mehr sagt.

Als wir wieder in das Auto steigen, verrät sie mir noch, dass sie Johann Stemmeler immer einen kleinen Gruß entbietet, wenn sie auf der nahen Autobahn am Schloss vorbei kommt. Und das kenne ich zu gut aus meiner eigenen Landkarte des Schreibens, die bevölkert ist von Begegnungen im merkwürdigen Zwischenreich von Fakt und Fiktion.

Von Petra Reategui sind bisher erschienen: „Falkenlust“ (Emons) und „Filzengraben“ (Emons). Ihr nächster historischer Krimi kommt Herbst 2013 auf den Markt. Die Autorin arbeitete viele Jahre als Redakteurin bei der Deutschen Welle. Sie lebt in Köln, wo sie die Lesereihe „Von Hütten und Palästen“ initiierte, die am 30. November 2012 Premiere hat. Am Diskussionsabend mit ihren Kollegen Oliver Buslau, Ilka Stitz und Tanja Schurkus berichtet sie aus der Arbeit an “Falkenlust”.

Eine Allee verbindet die Weltkulturerbeschlösser Augustusburg und Falkenlust

 

 

Info:

Die Schlösser Augustusburg und Falkenlust liegen in Brühl bei Köln und gehören zum Weltkulturerbe. Die Schlösser können nur im Rahmen einer Führung besichtigt werden, die Parkanlage ist frei zugänglich. Alles weitere unter: www.schlossbruehl.de

About TanjaS

Ausgebildete Buchhändlerin, Literaturwissenschaftlerin M.A. , lebt und arbeitet in Köln. Themenschwerpunkt: "Das lange 19. Jahrhundert", bzw. die napoleonische Zeit. Aktuelle Veröffentlichung: "Matthias Claudius. Eine Romanbiografie", Brunnen Verlag. Zur Website von Tanja Schurkus.
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