Ein König voller Widersprüche. Zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen

 

Friedrich II. (1712—1786), König von Preußen. Foto: Wikipedia

Text: Rita Hausen

Ohne Zweifel ist Friedrich II. ein sehr widersprüchlicher Charakter, den man nicht verstehen kann, ohne die Traumata seiner Kindheit und Jugend zu bedenken. Sensibel und musisch begabt wurde er von seinem Vater gezwungen, sich ausschließlich mit dem Militär und der Ökonomie seines Landes zu beschäftigen.
Der Vater schlug seinen Sohn, als er ihn mit seinem Lehrer beim Latein lernen erwischte, was er ausdrücklich verboten hatte. Der Lehrer bezog ebenfalls Prügel. Friedrich lernte heimlich Flöte spielen, er beschaffte sich heimlich Bücher – alles, was ihm Spaß machte, musste er vor seinem Vater verbergen. So lernte er schon früh, sich zu verstellen und seine wahren Gefühle zu tarnen. Bis er es nicht mehr aushielt und einen Fluchtversuch unternahm. Sein Vater, Friedrich Wilhelm I., Soldatenkönig genannt, setzte seinen Sohn in Küstrin als Deserteur fest. Ihm drohte die Hinrichtung. Doch stattdessen kam der Vater auf die Idee, seinen Freund Hans Hermann von Katte, der ihm bei der Planung der Flucht geholfen hatte, vor den Augen des Sohnes hinzurichten. Damit wollte er seinen Sohn disziplinieren und zum Gehorsam zwingen. Friedrich wurde von zwei Offizieren festgehalten und gezwungen zuzusehen, wie der Freund enthauptet wurde. Als der Henker das Schwert hob, sank er in Ohnmacht. Friedrich war 18 Jahre alt! Es zeugt von innerer Kraft und Stärke, dass er dieses Trauma irgendwie überstand, aber es wirkte zeitlebens in ihm weiter.

Als Kind konnte er nicht einmal den Tod von Tieren ertragen und hasste die Jagd. In seinen Schlachten musste er sich an Gemetzel, Verwundung und Tod vieler Menschen gewöhnen, was ihn nach und nach bitter und hart machte. Da die Kriege gewaltige Summen seines Staatshaushaltes verschlangen, wurde er geizig, sparte an der Ausrüstung seiner Soldaten, ließ Invaliden und Veteranen unversorgt, brachte Not und Zerstörung über sein Land, um das er doch so erbittert Krieg führte.
Er musste erfahren: Es ist leichter einen Krieg anzufangen, als ihn zu beenden. So kämpfte er zusammengenommen etwa zehn Jahre um die Provinz Schlesien, die er im Handstreich zu gewinnen dachte.
Manche, die ihn schätzten, sagten über ihn, er sei warmherzig und verletzlich, was er hinter Spott und Ironie verberge. Hinter der Maske der Macht. Der Härte. Der Unnahbarkeit.
Er setzte in vielen Schlachten sein eigenes Leben aufs Spiel. War er ein lebensmüder Kämpfer oder gab ihm die Konfrontation mit dem Tod den Kick zum Leben? Oder musste er, wie unter Zwang, die Bedrohung seines Lebens immer neu inszenieren?
Der Siebenjährige Krieg brachte ihn mehrfach an den Rand der Verzweiflung. Er kämpfte gegen halb Europa, gegen eine große Übermacht und behauptete sich am Schluss, als ihm ein wenig Glück zu Hilfe kam. Er arbeitete wie ein Pferd, um sein Land wieder aufzubauen. Er kümmerte sich um alles und jedes, erwies sich als „erster Diener seines Staates“, wurde zum „Alten Fritz“: knurrig, knorrig und doch eine Vaterfigur, dem die Menschen bis heute Blumen und Kartoffeln aufs Grab legen.
Er stand sein Leben lang im Zwiespalt zwischen den humanen Forderungen seiner Philosophie und den Interessen politischer Machtentfaltung.
Mit zunehmendem Alter wurde er misstrauisch und einsam, mied die Menschen, liebte nur noch seine Hunde.
Am Ende wollte er in seinem Garten in Sanssouci begraben sein, ohne Blendwerk, Pracht und Pomp. Dem wurde nicht entsprochen. Erst nach über 200 Jahren fanden seine Gebeine dort ihre letzte Ruhe.

„Ich habe Verse gemacht und sie verloren, ein Buch zu lesen angefangen, und es ist verbrannt; auf einem Klavier gespielt, und es ist entzweigegangen; ein Pferd geritten, und es ist lahm geworden. Nun fehlt zu meinem Unglück weiter nichts, als dass Du meine Freundschaft mit Undank lohnst. Dann hänge ich mich auf.“ (Aus einem Brief an Jordan, 27. September 1744)

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Die Verfasserin dieses Artikels hat einen Roman über die Jugend Friedrichs des Großen geschrieben, der voraussichtlich im Juni erscheint: Rita Hausen, Ein ungeratener Sohn, AAVAA-Verlag, Berlin

Viele kennen ihn nur als den „Alten Fritz“. In diesem Buch geht es um den jungen Friedrich, um seine unglückliche Jugend und seinen traumatischen Konflikt mit dem strengen Vater, der ihn beinahe das Leben kostete.
Die Autorin räumt mit einigen Vorurteilen auf, die sich über Friedrich gebildet haben. Sie zeigt einen charmanten, witzigen und eleganten Kronprinzen und Monarchen, der mehr als andere Herrscher seiner Zeit der Aufklärung verpflichtet war, Toleranz übte und die Folter abschaffte.
Neben den spannenden Ereignissen um die Inhaftierung des Prinzen, seine Thronbesteigung und seine ersten Jahre als König, geht es auch um eine psychologische Nachzeichnung der Person Friedrichs, indem der Versuch unternommen wird, Gedanken und Gefühlen des jungen Friedrich auf die Spur zu kommen.

About HeikeK

Heike Koschyk wurde 1967 in New York geboren. Sie schreibt Krimis, Biografien und historische Romane. Bevor sie sich ganz ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin widmete, leitete sie erfolgreich eine Textilagentur und arbeitete als Heilpraktikerin in ihrer eigenen Praxis. 2008 wurde Heike Koschyk mit dem Agatha-Christie-Krimipreis ausgezeichnet. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Heike Koschyk ist die Marketingleiterin bei Quo Vadis.
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