Ein Liebesnest im Abwasserkanal: Besuch auf Schloss Arenenberg

Ein Besuch auf Schloss Arenenberg bietet einen herrlichen Ausblick über den Bodensee und eine interessante Begegnung mit Napoleon III, Frankreichs letztem Kaiser sowie seiner Mutter Hortense.
Ein Ausflugstipp – nicht nur für Besucher der diesjährigen Historica – von unserer Autorin Tanja Schurkus.

Der Blick geht nach Paris

Ausblick auf den Untersee * Foto: Tanja Schurkus

Wenn man an einem klaren Tag aus einem der Fenster des Schlosses Arenenberg nach Nord-Westen schaut, kann man sie sehen: Die Dächer und Kamine von Paris, die Kuppeln von Notre Dame, die Zinnen des Louvre – die Phantasie des jungen Louis-Napoleon mochte all diese Bauwerke am Horizont gesehen haben, wenn er diese Worte seiner Mutter Hortense hörte. Den Eifelturm sah er natürlich nicht, denn der war noch nicht gebaut, als Hortense de Beauharnais Bonaparte 1816 in den Schweizer Kanton Thurgau ins Exil kam. Ihr Name alleine zeugte von den bewegten Zeiten, die hinter ihr lagen: Sie war die Tochter von Joséphine und Alexandré, Vicomte de Beauharnais, ihr Vater fand unter der Guillotine den Tod, ihre Mutter entkam den Kerkern der Revolution. Die Überlebende führte einen der opulentesten Salons von Paris und heiratete in dem Übermut jener Tage den einige Jahre jüngeren Revolutionsgeneral Napoleon Bonaparte.

Hortense de Beauharnais

Als der zum Kaiser aufstieg, adoptierte er Hortense. Joséphine aber wünschte eine engere Verbindung zur Familie Bonaparte, denn bald schon befürchtete sie, dass ihre Kinderlosigkeit zur Scheidung führen würde. Sie setzte durch, dass Hortense Napoleons jüngeren Bruder heiratete: Louis Bonaparte. An seiner Seite wurde Hortense Königin von Holland, aber der kränkliche und introvertierte Louis war das Gegenteil der lebenslustigen und geselligen Hortense. Louis verfolgte sie mit Eifersucht, zog die Vaterschaft der drei Söhne in Zweifel, die während der Ehe geboren wurden. Selbst seinen kaiserlichen Bruder hatte er im Verdacht, eines der Kinder gezeugt zu haben, und er beschwerte sich bei ihm über Hortense. Doch Napoleon wies ihn zurecht:

Lassen Sie sie doch tanzen, soviel sie will. [...] Sie wollen, dass eine Zwanzigjährige [...] wie in einem Kloster lebt und, wie eine Amme, sich immer nur mit dem Kinde beschäftigt? [...] Machen Sie die Mutter Ihrer Kinder glücklich! Dafür gibt es nur ein Mittel, nämlich ihr viel Achtung und Vertrauen entgegenzubringen.
(Napoleon I an seinen Bruder Louis, 4.April 1807).

Die Ermahnungen brachten nichts: Das Paar trennte sich 1810. Aber Hortense bliebt Napoleon auch nach seiner Entmachtung verbunden: Nachdem sie 1814 zunächst die Fürsprache des Zaren gesucht hatte, unterstützte sie Napoleon nach seiner Rückkehr von Elba. Als er nach St. Helena verbannt wurde, musste sie Hals über Kopf aus Frankreich fliehen – verfolgt von der gekränkten Eitelkeit des Zaren.

Staatsfeindin und Blumenfreundin

Schloss Arenenberg im 19. Jahrhundert

Die alten Herrscherfamilien sorgten dafür, dass Hortense nirgends lange bleiben konnte. Als sie bei einem Aufenthalt in Konstanz das Schloss Arenenberg entdeckte, war es Talleyrand – der neue alte französische Außenminister – der ihr den Kauf unmöglich machen wollte. Aber die schweizer Amtsleute ließen sich nicht dreinreden: Hortense wurde 1817 neue Besitzerin des heruntergekommenen Landsitzes. Der war im 16. Jahrhundert von Konstanzer Bürgern erbaut worden und hatte sich im Besitz verschiedener Familien befunden. Hortense baute es im Geschmack der Zeit um: Heute kann man im Museum die original Möblierung im Stil des Empire sehen. Dem Park widmete sie besondere Aufmerksamkeit, es entstand ein englischer Landschaftsgarten, der seit 2008 wieder hergestellt wird. Vor allem aber bestückte sie das Haus mit Erinnerungen an Napoleon, um ihren Sohn, Louis-Napoleon, auf das Erbe seines Namens zu verpflichten. Nur Louis war ihr geblieben: Ihr ältester Sohn war bereits 1807 gestorben, das Sorgerecht für den zweiten Sohn hatte ihr Mann vor Gericht erstritten. Louis war durch die Zeit der Flucht kränklich geworden, seiner Bildung half nun ein straffer Stundenplan nach.

Mit dem Tod Napoleons wurde der Bann über die Familie Bonaparte gelockert: Louis konnte nach Italien reisen, sah seinen älteren Bruder wieder und stürzte sich mit ihm prompt in einen Aufstand gegen die Habsburger. Doch der verehrte ältere Bruder starb an Masern, und Hortense musste Louis durch eine abenteuerliche Flucht nach Arenenberg zurückholen.

Louis Napoleon

Hier war der 18jährige zu politischer Tatenlosigkeit verdammt. Er vertrieb sich die Zeit mit Pferdezucht (in den ehemaligen Stallungen befinden sich heute ein Bistro und der Museumsshop), schrieb Handbücher für die Artillerie und hatte Liebesaffären. Bei der Wiederherstellung des Parks legte man einen Gang unterhalb des Schlosses frei. Die Ablagerungen bewiesen, dass es sich um einen Abwasserkanal handelte, aber warum war er mannshoch? Vielleicht war es ein Schleichweg zu amourösen Treffen – zumindest eine Frau aus Ermatingen meldete sich später als uneheliche Tochter bei Louis. 
Der Tod von Napoleons leiblichem Sohn 1832 befeuerte Louis Ansprüche auf das kaiserliche Erbe. In politischen Schriften legte er sein Konzept einer Verbindung von Volkssouveränität und erblichem Kaisertum fest, doch er sah auch sein Dilemma:

Ich weiß, dass ich durch meinen Namen viel gelte, aber wegen meiner selbst noch nichts. Aristokrat von Geburt, Demokrat aus Natur und Neigung.“

Noch auf dem Totenbett verpflichtete die krebskranke Hortense ihren Sohn auf das Vorbild Napoleons. Sie starb am 5. Oktober 1837 und wurde in Paris, in Sichtweite des Grabes ihrer Mutter beigesetzt.

Beginn im Exil – Ende im Exil

Louis verkaufte Arenenberg, sein Erbe verwendete er auf seine politischen Ambitionen. Nach gescheiteren Umsturzversuchen und jahrelanger Kerkerhaft wurde er 1848 französischer Präsident und machte sich 1852 zum Kaiser. Nun kaufte er Arenenberg zurück. 
Nach dem verlorenen Krieg gegen Preußen wurde Napoleon III 1871 gestürzt, Frankreich wurde wieder Republik. Louis-Napoleon ging ins Exil nach England, wo er 1873 an den Folgen einer Operation starb.

BesucherInnen der Soiree Hortense beim Ausflug nach Arenenberg – Tanja Schurkus sieht man hier im orange farbenen Spencer * Foto: Sabine Gaus

Seine Frau Eugénie schenkte Arenenberg 1906 dem Kanton Thurgau aus Dankbarkeit für die Aufnahme, die ihr Mann dort einst gefunden hatte. Es entstand das einzige deutschsprachige Napoleon-Museum. Die Bauten und Anlagen des Parks wurden zunächst zugeschüttet. Die Stiftung Napoleon III sorgt seit 2008 für die schrittweiseWiederherstellung des Parks, der für alle Besucher frei zugänglich ist.

Das Schloss Arenenberg liegt zwischen Ermatingen und Salenstein am Bodensee. Alles weitere zu Anfahrt, Öffnungszeiten, Führungen erfährt man unter: www.napoleonmuseum.ch

Tipp: Den Park am besten im Rahmen einer Führung besuchen. Wie bei allen Landschaftsgärten ist die Gestaltung sehr zurückhaltend, und mit fachkundiger Begleitung erfährt man vieles über Blickachsen, Botanik und Bauwerke.

Tanja Schurkus blickt in die Vergangenheit

 

Die Autorin Tanja Schurkus ist studierte Literaturwissenschaftlerin und forscht und schreibt über die Zeit des französischen Empire.
2012 erscheint ihre Romanbiographie über Matthias Claudius (1740-1815).

Mehr unter: www.tausendseiten.de

About HeikeK

Heike Koschyk wurde 1967 in New York geboren. Sie schreibt Krimis, Biografien und historische Romane. Bevor sie sich ganz ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin widmete, leitete sie erfolgreich eine Textilagentur und arbeitete als Heilpraktikerin in ihrer eigenen Praxis. 2008 wurde Heike Koschyk mit dem Agatha-Christie-Krimipreis ausgezeichnet. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Heike Koschyk ist die Marketingleiterin bei Quo Vadis.
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