Der Weg zur besten Kurzgeschichte: Jury-Vorsitzende Angeline Bauer im Interview

Am Freitag, den 11. November ist es soweit: Die Sieger des Quo Vadis-Kurzgeschichtenpreises werden bekannt gegeben. Die Preisverleihung findet während der Historica in Singen im Rahmen einer feierlichen Gala statt.

Jury-Vorsitzende und Quo Vadis-Autorin Angeline Bauer erzählt im Interview mit der Marketingleiterin des Autorenkreises Quo Vadis Heike Koschyk über den Reiz historischer Kurzgeschichten und von der Herausforderung, unter zahlreichen Wettbewerbsbeiträgen den besten auszuwählen.

 

Heike Koschyk: Angeline, erzähl uns ein wenig über Deine Arbeit als Organisatorin dieses Preises.

Angeline Bauer: Den mittlerweile schon traditionsgebundenen Quo Vadis-Kurzgeschichtenwettbewerb haben wir dieses Mal gemeinsam mit dem Gmeiner Verlag ausgeschrieben, weil die zehn Geschichten, die es auf die Longlist schaffen würden, zusammen mit den Geschichten von zwölf Quo Vadis Autoren in einer Gmeiner-Anthologie erscheinen sollten. Frau Grieshaber und Herr Kopitzki, die als Herausgeber dieser Anthologie fungierten, gewannen darüber hinaus zehn weitere Autoren aus der Bodenseeregion für das Projekt, mit denen ich persönlich aber nichts zu tun hatte. 
Ich richtete den Kurzgeschichtenwettbewerb aus und begleitete die Quo Vadis-Autoren, stand ihnen für Fragen zur Verfügung, habe auch all ihre Texte vorlektoriert.

Heike Koschyk: Wie muss man sich das Auswahlverfahren der besten Geschichten vorstellen?

Angeline Bauer: Die Wettbewerbsteilnehmer – 102 insgesamt – schickten ihre Beiträge an eine Internetadresse, die der Verlag speziell für den Wettbewerb eingerichtet hatte. Sie wurden direkt an mich weitergeleitet, ich habe sie kontrolliert und, sofern sie den Vorgaben entsprachen, an die beiden anderen Juroren geschickt. 
Wir Juroren haben alle Geschichten gelesen, sie unter Ja – Nein – Vielleicht abgelegt, und am Schluss stellte jeder von uns den anderen Juroren ‚seine‘ zehn Besten in einem Ranking von 10 bis 1 vor. Einige der Geschichten wurden von zwei oder drei Juroren gepunktet, und so schafften es insgesamt 25 Geschichten auf unsere Longlist. Siegergeschichten wurden dann die mit den meisten Punkten.

Heike Koschyk: Wer saß in der Jury?

Angeline Bauer: Wir waren zu dritt – drei Quo Vadis Autoren. Traditionell ist es ja ein Preis von Autoren für Autoren. Caren Benedikt, Guido Dieckmann und ich, die den Wettbewerb geleitet hat.

Heike Koschyk: Du sagst, für den Quo Vadis-Preis wurden über hundert Geschichten eingereicht. Fiel es euch schwer, eine Auswahl zu treffen?

Angeline Bauer: Jein. Bei einigen Geschichten gab es gar keine Frage, die waren nicht nur gut, die waren etwas Besonderes, und wir suchten ja ‚die besondere Geschichte‘. In anderen Fällen musste jeder von uns seine persönlichen Abstriche machen – letztlich ist es ja auch Geschmacksache, welcher Geschichte man den Vorzug gibt. Um die eine oder andere schöne Geschichte, die es nicht in die Anthologie geschafft hat, tat es uns aber durchaus leid.

Heike Koschyk: Was macht für Dich eine gute historische Kurzgeschichte aus?

Angeline Bauer: Sie sollte nicht einfach nur in einer anderen Zeit spielen, sondern den Leser wirklich in diese andere Zeit ‚mitnehmen‘ und authentisch sein. Es genügt nicht, seinen Protagonisten mittelalterliche Kleider anzuziehen oder sie in einer barocken Kutsche fahren zu lasse, sie müssen auch anders denken und fühlen und andere Werte und Ansichten haben.

Heike Koschyk: Gab es unter den Einsendungen auch unbekannte Talente, die Dich überrascht haben?

Angeline Bauer: Ja, ein oder zwei schon. Es gab aber vor allem ‚überraschend‘ viele gute Geschichten. Bei früheren Wettbewerben – es war ja nicht meine erste Jurorentätigkeit – wurden deutlich mehr Geschichten eingereicht, einmal fast 600, darunter waren aber auch deutlich mehr auf schlechtem Niveau. Ich vermute, dass die Qualität besser war lag daran, dass das Thema Bodensee schon recht eng gesteckt ist und man nicht einfach eine Geschichte aus der Schublade nehmen konnte, sondern ordentlich recherchieren und ganz speziell für diesen Wettbewerb schreiben musste.

Heike Koschyk: Die Kurzgeschichten werden in der Anthologie von Informationen zum historischen Hintergrund begleitet. Eine sehr schöne Idee!

Angeline Bauer: Dadurch wird dem Leser deutlich, dass wirklich gründlich recherchiert wurde und es je nachdem entweder um eine wahre Begebenheit oder um eine fiktive Geschichte geht, oder es sich um eine nacherzählte Sage handelt.

Heike Koschyk: An der Entstehung dieser Anthologie waren viele Menschen beteiligt: Autorinnen und Autoren, Organisation und Jury aus Quo Vadis-Mitgliedern, der Gmeiner-Verlag und die beiden Herausgeber. War es einfach, einen gemeinsamen Nenner zu finden?

Angeline Bauer: Grundsätzliches hatten wir bei einem Treffen während der letzten Historica festgelegt, anderes per e-Mail oder am Telefon geklärt. Nein, es war nicht immer leicht. Manchmal hatte ich das Gefühl, wir würden an verschiedenen Enden eines Seiles ziehen.

Heike Koschyk: Das klingt nach einer Menge Arbeit. War dieser Aufwand rein ehrenamtlich?

Angeline Bauer: Für mich schon. Natürlich habe ich für meinen Beitrag, also die Geschichte, die ich zur Anthologie geschrieben habe, ein kleines Honorar erhalten – für die Arbeit darüber hinaus aber nicht.

Heike Koschyk: Vielen Dank für das Interview

 

Angeline Bauer arbeitet seit 1983 als freie Autorin und schreibt neben historischen Romanen auch Sachbücher und, unter dem Pseudonym Friederike Costa, Frauenromane und Kurzgeschichten für Zeitschriften. 
Seit 2009 ist sie Jurymitglied des Quo Vadis-Kurzgeschichtenpreises, seit 2011 als deren Vorsitzende.

Die zehn besten Beiträge des Wettbewerbs historischer Geschichten rund um den Bodensee sind in der Anthologie „Drei Tagesritte vom Bodensee“, erschienen im Gmeiner Verlag, nachzulesen.

Weitere Informationen zum Quo-Vadis-Kurzgeschichtenpreis 2011 finden Sie hier >>>

About HeikeK

Heike Koschyk wurde 1967 in New York geboren. Sie schreibt Krimis, Biografien und historische Romane. Bevor sie sich ganz ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin widmete, leitete sie erfolgreich eine Textilagentur und arbeitete als Heilpraktikerin in ihrer eigenen Praxis. 2008 wurde Heike Koschyk mit dem Agatha-Christie-Krimipreis ausgezeichnet. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Heike Koschyk ist die Marketingleiterin bei Quo Vadis.
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