Quo Vadis-Autorin Carla Federico erhält CORINE Publikumspreis 2010

Am 23. November 2010 ist soweit: Carla Federico bekommt die CORINE für ihren historischen Roman “Im Land der Feuerblume”. Die Verleihung des international renommierten Buchpreises findet im Cuvilliés-Theater in München statt und wird von dem TV-Sender 3SAT um 20.15 Uhr ausgestrahlt. Diesjährig nominierte Autorinnen und Autoren (neben Carla Federico) für den CORINE Publikumspreis waren: Rebecca Gablé (ebenfalls Quo Vadis-Autorin), Maarten ‘t Hart, Henning Mankell und Jo Nesbø.


Foto: Helmut Henkensiefken, finepic

Carla Federico (Bild) spricht im Interview mit Alessa Schmelzer, Pressesprecherin des Autorenkreises Historischer Roman Quo Vadis, über die CORINE, die Faszination Chiles, die Widrigkeiten eines Kolonistenlebens im 19. Jh. und ihre Urgroßmutter.

Alessa Schmelzer: Zunächst einmal: Quo Vadis gratuliert herzlich zur CORINE 2010.

Carla Federico: Vielen Dank.

Alessa Schmelzer: Was bedeutet es für Sie den CORINE Publikumspreis 2010 zu erhalten?

Carla Federico: Dieser Preis ist für mich eine riesige und zugleich auch unerwartete Ehre – angesichts der namhaften Mitwerber (siehe Shortlist der Nominierten am Ende des Interviews, Anm. Alessa Schmelzer) in der Kategorie Publikumspreis habe ich ehrlich gesagt nicht damit gerechnet. Ich freue mich über diese Form der Anerkennung und bin sehr gespannt und aufgeregt, wenn ich an die Preisverleihung am 23. November denke: Das wird sicher ein unvergessliches Erlebnis und ganz besonderes Highlight meiner Autorenkarriere.

Alessa Schmelzer: Was glauben Sie fasziniert die Leserinnen und Leser an einem Buch, das die Auswanderergeschichte Deutscher nach Chile zum Thema hat?

Carla Federico: Zunächst glaube ich, dass viele Leser eine Vorliebe für exotische Familiensagas haben, um auf diese Weise die Geschichte und Kultur eines anderen Landes kennenzulernen. Dass in meinem Buch Deutsche im Mittelpunkt stehen, erleichtert vielleicht die Identifikation mit den Protagonisten. Chile wiederum ist kein so prominenter Schauplatz wie Australien oder Neuseeland – und macht gerade darum neugierig.
Überdies glaube ich, dass für viele Menschen das Thema „Auswandern“ spannend ist. Auch wenn es für die meisten nur ein Traum bleibt – die Vorstellung, in einem fremden Land ganz neu zu beginnen und sich aus nahezu nichts eine Zukunft aufzubauen ist sehr reizvoll, insbesondere, wenn man dieses Abenteuer vom gemütlichen Sofa aus miterleben kann und die ganzen Unwägbarkeiten nicht am eigenen Leib erdulden muss.

Alessa Schmelzer: Welche Verbindung haben Sie zu diesem Land, das den meisten wohl durch die Autorin Isabel Allende bekannt sein dürfte?

Carla Federico: Isabel Allende ist eine meiner Lieblingsautorinnen, und sie hat ohne Zweifel mein Interesse für dieses Land geweckt. Motivation für meine damalige Reise war aber meine Vorliebe für „Geheimtipps“. Zwar wird Chile immer populärer, aber kann mit so prominenten Reisezielen wie Neuseeland oder Australien, Indien oder Südafrika nicht mithalten – und da war es schon allein meinem Individualismus geschuldet, nicht ganz so ausgetretene Pfade zu beschreiten. Am faszinierendsten an diesem Land finde ich seine Vielfalt: Nicht ohne Grund besagt seine Ursprungslegende, dass Gott es aus all dem geformt hat, was ihm nach der Erschaffung der Welt noch übrig geblieben ist: Berge und Seen, Wüste und Eis, Steppe und Fjorde, Regenwald und Küste.

Alessa Schmelzer: Inwieweit spiegelt sich Ihre eigene Faszination für die Landschaft, die Menschen in den Sichtweisen der Figuren z.B. der Elisa wider?

Carla Federico: Ich reise wahnsinnig gerne, und ich bin sehr empfänglich für starke Natureindrücke. Ob spektakuläre Küstenlandschaften, Seen, Gebirge oder Fjorde – an diesen Orten, wo der Mensch ganz klein scheint, versinke ich in tiefes Staunen über die Schönheit dieser Erde.
Im Gegensatz zu meinen Protagonisten bin ich aber ziemlich verweichlicht. Ich bin alles andere als ein Outdoorfreak und ziehe mich am Abend lieber in ein gemütliches Hotelzimmer zurück als in einen Schlafsack unter freiem Himmel. Ich glaube nicht, dass ich in der Wildnis sonderlich lang überleben würde und bin dankbar für einen Beruf, wo ich all die Gefahren nur im Kopf durchleben muss.

Alessa Schmelzer: Auf Ihrer Website zitieren Sie Auszüge aus Tagebüchern und Briefen von Kolonisten. Haben Sie auch Einblicke in das Originalquellenmaterial erhalten? Haben Sie z.B. in Archiven jene ,Intelligenzblätter‘ einsehen können, die der Leser durch die Figur Elisa kennenlernt?

Carla Federico: Für meinen Roman stand mir Gott sei Dank umfangreiches Recherchematerial zur Verfügung: Es gibt nämlich viele Sammelbänder aus der Zeit der Auswanderer, in denen diverse Einzelquellen (u.a. auch besagte Intelligenzblätter) aufgelistet und hilfreich kommentiert werden. Überdies war die deutsche Gemeinschaft in Chile von Anfang an sehr gut organisiert und hat regelmäßig diverse Jubiläen gefeiert: Oft sind zu diesem Zweck Festschriften entstanden, in denen viele Lebensberichte oder Briefe der ersten Kolonisten zitiert werden. Die meisten dieser Bücher sind in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt erhältlich – nur bei ein paar wenigen Werken musste ich die Fernleihe nutzen oder in diversen Internetantiquariaten stöbern.

Alessa Schmelzer: Haben Sie bei Ihren Recherchereisen nach Chile auch mit Nachfahren jener deutschen Risikobereiten sprechen können, die bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges ausgewandert sind? Haben diese Nachfahren eine Bindung an Deutschland?

Carla Federico: Ich habe von der Urenkelin einer deutschen Auswanderin zum ersten Mal von der Geschichte ihrer Vorfahren gehört – und war sogleich fasziniert. Sie hat – sozusagen vor der „Originalkulisse“ – sehr eindrucksvoll den Kampf der ersten Siedler beschrieben. Da die Reise damals nur eine Urlaubsreise war und ich noch weit davon entfernt war, diese Erlebnisse in einem Roman aufzugreifen, habe ich meine Recherchen leider nicht vertiefen und mit noch mehr Nachfahren sprechen können.
Generell gilt, dass die deutsche Herkunft bei den jungen Leuten kaum mehr eine Rolle spielt und nur sehr wenig bereit sind, die Sprache zu lernen – sie betrachten sich in erster Linie als Chilenen. Ich denke, solange die Geschichten von Eltern und Großeltern weitererzählt wurden, übten sie eine große Faszination aus – die Lebenserfahrungen von den Ur-Ur-Großeltern, die man persönlich nicht mehr kennenlernt, berühren hingegen ungleich weniger.
Natürlich gibt es aber noch den einen oder anderen deutsch-chilenischen Verein, der die Erinnerung an die ersten Kolonisten und die deutsche Kultur lebendig halten will.

Alessa Schmelzer: Sie setzen die Familiensaga fort. Als Sie sich mit dem Roman Thema auseinandergesetzt haben, kreierten Sie die Geschichte da schon als Mehrteiler? Wie viele Jahre/Jahrzehnte wird die Saga umfassen? Wird es innerhalb dieser Saga die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus geben?

Carla Federico: Als ich den ersten Band geschrieben habe, habe ich mir nach und nach den zweiten ausgedacht. Als dieser dann „in der Mache“ war, habe ich mir einen dritten überlegt. Mit diesen dreien wird eine Art „Trilogie“ abgeschlossen sein, und zeitlich endet diese – wie es dem Genre des historischen Romans entspricht – gegen 1918.
Es ist noch ein vierter Teil geplant, der allerdings nicht am dritten anschließt, sondern noch einmal bei der Generation der ersten Auswanderer ansetzt und vom Schicksal der Tochter eines Nebenprotagonisten erzählt.
Übrigens: In jedem dieser Romane werde ich eine andere Region bzw. einen anderen Aspekt von Chiles Geschichte beleuchten. Dieses vielfältige Land bietet ja jede Menge interesssanter Settings – von Patagonien bis hin zur Atacama-Wüste, von Santiago bis hin zu den Osterinseln.

Alessa Schmelzer: Welche der Figuren aus Ihrem Buch haben Sie am meisten beeindruckt und warum?

Carla Federico: Eine meiner Lieblingsfiguren des Romans ist Juliane Eiderstett, genannt Jule – eine ungemein schroffe und selbstbewusste, freiheitsliebende und emanzipierte Frau. Mit ihr wollte ich meiner Urgroßmutter ein Denkmal setzen, die sich trotz ärmlicher Lebensbedingungen und vieler Widrigkeiten ein gewisses Maß an Selbstbestimmung und – verwirklichung erkämpft hat. Aufgrund der Schonungslosigkeit, mit der sie anderen Menschen ihre Fehler und Schwächen vorhält, ist Jule nicht immer sympathisch – aber dennoch ein starker Charakter. Und mit ihrer nüchternen, schnodderigen Art setzt sie einen oft wohltuenden, weil amüsanten Kontrapunkt zur Melodramatik und Tragik der Liebesgeschichte.
Eine andere Figur, die mich sehr bewegt hat, ist Greta Mielhahn. Sie ist ganz klar die Antagonistin und viele ihrer Taten sehr gemein – aber all das resultiert aus einer traurigen Geschichte. Nicht zuletzt sind es die Brutalität ihres Vaters, die Gleichgültigkeit ihrer Mutter und die Besitzgier ihres Bruders, die sie zu einem zerstörten, gebrochenen Menschen haben werden lassen. Ich hoffe, dass ich im Leser nicht nur gerechte Empörung wecke, weil Greta dem Liebesglück von Elisa und Cornelius immer wieder im Weg steht, sondern auch ein gewisses Maß an Mitleid, weil sie auch selber ein Opfer ist.

Alessa Schmelzer: Wie sieht ein Arbeitstag der Carla Federico aus?

Carla Federico: Ich gehöre zu den extrem strukturierten Autoren, die – von außen betrachtet – ein ziemlich langweiliges Leben führen, weil es in sehr gleichförmigen Bahnen verläuft. Ich schreibe konsequent jeden Morgen nach dem Aufstehen und habe – mit diversen Unterbrechungen (sei es eine Kaffeepause oder das Checken meiner Mails) – normalerweise am frühen Nachmittag mein Tagespensum von mindestens 1.500 Wörtern erreicht. In arbeitsintensiveren Zeiten lege ich auch schon mal am Abend eine zusätzliche Schicht ein – für gewöhnlich ist der Rest des Tages aber der Recherche oder Lektüre vorbehalten. Über einen Mangel an Freizeit kann ich mich bei diesen Arbeitszeiten wirklich nicht beklagen – allerdings ist es so, dass ich – mit ganz, ganz wenigen Ausnahmen – sieben Tage die Woche arbeite. So etwas wie ein Wochenende gibt es für mich nicht.
Hinzu kommen die Tage, wo ich als freiberufliche Journalistin arbeite: Auch da versuche ich, zumindest einen Teil des Tagespensum abzuarbeiten und nutze dafür Bahnfahrten oder diverse Wartezeiten. Mein Vorteil ist, dass ich – unabhängig des Lärmpegels – eigentlich überall schreiben kann.

Alessa Schmelzer: Sie schreiben unter mehreren Pseudonymen (Carla Federico ist eines der Pseudonyme der erfolgreichen Autorin Julia Kröhn, Anm. Alessa Schmelzer). Gehören Sie zu jenen Autorinnen und Autoren, die an verschiedenen Stoffen parallel arbeiten können?

Carla Federico: Es steht immer ein Roman im Mittelpunkt meines Arbeitsalltags. An diesem arbeite ich möglichst kontinuierlich und mit ganzer Aufmerksamkeit. Allerdings steht ein „Schriftstellerhirn“ ja niemals still und natürlich verirren sich in meiner Freizeit – egal, ob ich im Wald jogge oder an der Bushaltestelle warte – meine Gedanken oft zu einem anderen Stoff, der sich auf diese Weise über Monate, wenn nicht gar Jahre weiterentwickelt. Auch bei meiner täglichen Lektüre ist es oft so, dass ich mich bereits der Recherche für einen künftigen Roman widme, um so nach und nach und ohne Zeitdruck mit einem Thema vertraut zu werden.

Alessa Schmelzer: Vielen Dank für das Interview.

Carla Federico: „Im Land der Feuerblume“ (Knaur 2010)

Hamburg 1852

Im Hafen begegnen sie sich das erste Mal: die junge, abenteuerlustige Elisa, der nachdenkliche Cornelius und ihre Familien, die das Wagnis eines neuen Lebens in Chile eingehen wollen. Jeder erhofft sich etwas anderes von dem Land seiner Träume. Bereits auf dem Schiff, dass sie in die ferne neue Heimat bringen soll, entbrennt Elisa in glühender Liebe zu dem oft so melancholischen Cornelius. Doch stets scheint dem jungen Paar etwas im Wege zu stehen: die unerbittliche Natur, die sie vor immer neuen Herausforderungen stellt, aber auch Missgunst und Eifersucht…

Weitere Informationen zur Autorin sowie eine Leseprobe von “Im Land der Feuerblume” erhalten Sie unter: Carla Federico und Julia Kröhn


Hintergrundinformation:
Shortlist des CORINE Publikumspreises 2010 (in alphabetischer Reihenfolge):

Im Land der Feuerblume – Carla Federico
Hiobs Brüder – Rebecca Gablé
Der Schneeflockenbaum – Maarten ‘t Hart
Der Feind im Schatten – Henning Mankell
Leopard – Jo Nesbø

Weitere Informationen zum internationalen Buchpreis CORINE 2010 sowie Übertragung der Gala im TV inklusive Übersicht der Wiederholungen erhalten Sie unter hier.

Geschrieben von Alessa Schmelzer 

About AlessaS

Alessa Schmelzer, geboren 1971 in Köln, studierte Alte und Neuere Geschichte, Klassische Archäologie, Germanistik und Philosophie. Als freie Museumspädagogin erstellt sie museumspädagogische Konzeptionen, v.a. für die archäologischen Museen des LWL. Bisher sind von der Autorin ein historisches Jugendbuch, wissenschaftliche Artikel und historische Kurzgeschichten erschienen. Die Autorin lebt in Münster. Im Forum ist sie Moderatorin für die Bereiche 'Quo Vadis Informationen' und 'Schreiben'.
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