Autorin, Buchhändlerin und ehemalige Sprecherin des Autorenkreises Quo Vadis –
Marlene Klaus spricht über das Schreiben in Cafés, der Inspirationskraft der Natur und über die Sinnlichkeit von Büchern.
"Geschichten können erretten. Wer liest, weiß das."
Text: Heike Koschyk • Foto: Tobias Kandler
Ein Leben ohne Schreiben kann sich Marlene Klaus nicht vorstellen. Schon als Kind wusste sie, dass sie Schriftstellerin werden wollte. Später besuchte sie Schreibseminare und Textwerkstätten und nahm an Ausschreibungen teil, um ihrem Ziel näher zu kommen.
Heute hat sie ihren Traum verwirklicht. Wenn sie sich morgens an den Schreibtisch setzt, schenkt sie sich zuerst eine Tasse grünen Tees ein, um dann konzentriert bis in den Nachmittag zu arbeiten. Sie braucht die Ruhe, untermalt vom leisen Plätschern des Zimmerbrunnens, der ihre Worte zum Fließen bringt.
„Anfangs habe ich mich zum Schreiben auch mal ins Café gesetzt, weil das in Schreibratgebern so empfohlen wurde“, erzählt die Autorin lächelnd. „Inzwischen lasse ich das – obwohl es durchaus sein kann, dass ich im Café mein Notizbuch aus der Tasche ziehe und etwas festhalte, das mir auf- oder einfiel.“ Das Notizbuch ist ihr wichtigster Begleiter. Marlene Klaus lässt sich gerne von dem inspirieren, was sie sieht. Von Menschen und ihren Geschichten, von der Natur.
„Ich freue mich, zuzusehen, wie aus den diversen Samenkörnchen, die ich im Frühjahr in die Erde senkte, Pflänzchen heranwachsen“, so die Autorin. „Und ich freue mich über das unglaublich schöne Licht, in das im Herbst die Welt getaucht ist und deren Farben leuchten lässt.“
Beinahe täglich schnappt sie sich ihr Fahrrad und fährt durch die Natur, um die Gedanken schweifen zu lassen und den Kopf frei zu bekommen. Kommt ihr dabei ein Einfall, steht sie auch schon mal am Straßenrand und zückt das Notizbuch.
Auch die Idee zum Roman „Beschützerin des Hauses“ kam per plötzlicher Eingebung: „Anlässlich eines historischen Stadtrundgangs in meinem Heimatort meinte ich, einer Hexenverbrennungsgeschichte auf die Spur gekommen zu sein. Ich begann, zu recherchieren. Und stellte rasch fest: In der Hochzeit der Hexenverfolgungen hat es in der Kurpfalz, zu der Hockenheim im 16. Jahrhundert gehörte, keine Hexenverbrennungen gegeben. Während überall im Reich die Scheiterhaufen brannten, pflegte das Rechtssystem der Kurpfalz eine andere Tradition.“
Marlene Klaus Interesse war geweckt. So entstand die Geschichte des Kräuterweibes Barbara, die seit dem Tod von Mann und Tochter zurückgezogen lebt und nachts hinauszieht, um Kräuter zu sammeln. Die Leute sind misstrauisch, machen sie für Dinge verantwortlich, die sie sich nicht erklären können.
„Es waren schlechte Zeiten. Anhaltende Unwetter verdarben die Ernten, Teuerungen waren die Folge, Armut, Landflucht, Not. Man glaubte, eine Hexensekte sei für alles verantwortlich, sie wolle die Welt ins Verderben stürzen, gemeinsam mit ihrem Gebieter, dem Höllenfürsten.“
Als dann noch ein Hagelunwetter Tote fordert, wird Barbara gefangen gesetzt. Das Dorf gleicht zunehmend einem Hexenkessel, in welchem alte Verletzungen und Verfehlungen, Rachsucht und Missgunst brodeln. Die Ränke einiger weniger kosten Barbara beinahe das Leben.
In diesem Roman können nur Umsicht und beherztes Handeln retten, im echten Leben vermögen es manchmal auch Geschichten.
„Abtauchen, Vergessen, Staunen, Erfahren, Lernen. Geschichten bedeuten Lachen und Weinen, Hoffen und Bangen. Und ohne jetzt zu sehr ins Detail gehen zu wollen, aber dennoch pathetisch: Geschichten können erretten. Wer liest, weiß das.“ Einer der Gründe, warum sie Buchhändlerin geworden ist. Es ist aber auch die Nähe zum Buch an sich. „Ich wollte bei Büchern sein, sie um mich haben, sie anfassen, daran riechen – das tue ich übrigens noch immer, ich rieche an jedem Buch, das ich in die Hand nehme, ich kann gar nicht anders, ein unglaublich sinnliches Vergnügen!“
Würde die Autorin denn gerne in der Vergangenheit leben wollen? Ihre Antwort ist Nein.
„Ich finde es ganz recht, hier und heute zu leben. Was mir lieb wäre indes, wäre, sie würden endlich eine Maschine erfinden, mit der man Ausflüge in die Lieblingszeit unternehmen könnte. Das geht ja vielen so, da bin ich nicht alleine, vor allem Leute, die historisch schreiben oder gerne historisch lesen. Mit einer solchen Zeitmaschine würde ich in die Zeit ausflügeln, in der meine Romane spielen: das 16. Jahrhundert. Eine spannende Zeit, in der sich Werte verschoben und änderten.“
Die Frage, wie sie sich beschreiben würde, wäre sie selbst Teil einer ihrer Geschichten, beantwortet sie augenzwinkernd: „Es gab mal Zuckertütchen in Cafés, auf denen konnte man Eigenschaften lesen, die den Sternzeichen zugeordnet werden. Mein Zuckertütchen verkündete, ich sei ernst, schweigsam und klug. Bin ich alles. Auch.“
Zur Person:
Marlene Klaus, 1960 in Mannheim geboren, ist ausgebildete Buchhändlerin. Nebenher jobbte sie aber auch als Taxifahrerin, Kellnerin und Postbotin. Heute arbeitet sie in der Gemeindebücherei Brühl. Nach zahlreichen Veröffentlichungen in Anthologien, darunter 2007 in Mannheimer Morde, einer Krimianthologie zum 400 jährigen Stadtjubiläum, erschien im März der historische Roman „Beschützerin des Hauses“, für den sie 2006 ein Arbeitsstipendium erhielt.
Marlene Klaus war von 2008-2010 Sprecherin des Autorenkreises Quo Vadis.
Aktuelle Veröffentlichung: Beschützerin des Hauses, Edition Quo Vadis im Dryas Verlag, ISBN 978-3940855121